Kaufsucht

Die Kaufsucht ist hierzulande weiter verbreitet, als so mancher annehmen mag. Der Grund dafür, dass eine solche stoffungebundene Sucht meist zu spät oder gar nicht erkannt wird, liegt in der Unauffälligkeit des Verhaltens. Denn Kaufen wird nicht nur gesellschaftlich akzeptiert, sondern auch geschätzt. Wer viel kauft, hat viel Geld, hat Erfolg, hat ein starkes Image. Dieser Trugschluss kann in den Ruin führen.

 

Meist ist ein geringes Selbstvertrauen der Anlass zur Kaufsucht. In Selbsthilfegruppen wird deshalb versucht, das Selbstwertgefühl zu stärken. Wer immer wieder den Drang verspürt, Dinge zu kaufen, die eigentlich nicht gebraucht werden, zeigt erste Merkmale der Kaufsucht. Wenn der Einkauf nicht möglich ist, können sich Entzugserscheinungen einstellen (Aggressionen, Unruhe, depressive Verstimmungen). Auffällig und gleichzeitig aufschlussreich ist, dass besonders Singles betroffen sind. Das Gefühl der Einsamkeit kann nämlich das Selbstwertgefühl erheblich mindern.

 

Die Möglichkeit des Einkaufs im Internet vergrößert die Problematik und lässt die Kaufsucht noch unauffälliger werden. Man kauft ganz bequem von Zuhause aus und muss sich vor niemandem rechtfertigen. Durch diese Anonymität sitzt das Geld entsprechend locker. Die Onlinedienste melden enorme Umsatzzuwächse.

 

Man sollte nicht davor zurückschrecken, eine Selbsthilfegruppe aufzusuchen. Von selbst löst sich das Problem nur in den seltensten Fällen. Wer außerdem durch die hohe Verschuldung in finanzielle Schwierigkeiten geraten ist, sollte eine Schuldnerberatungsstelle aufsuchen.

Auch das bequeme Einkaufen über das Fernsehen (Teleshopping) kann Suchtcharakter annehmen. Tele-Shopping-Sender bieten ihre Waren an und betonen dabei, dass der Kunde diese Produkte nie wieder so günstig und so bequem erwerben könne wie über das Tele-Shopping-Angebot. Zusätzlich wird der Zuschauer mehr oder weniger penetrant darauf hingewiesen, dass das Angebot nur in begrenzter Auflage vorhanden sei, so dass ein schnelles Zugreifen gleichsam unumgänglich sei, will man nicht auf eines der scheinbar günstigen und exklusiven Produkte verzichten.

 

Innovative Kosmetikprodukte, verlockender Schmuck, Sportgeräte aller Art und wundersame Haushaltsmittel sollen ein neues Glücksgefühl vermitteln und potentielle Kunden locken. Die Effektivität der Artikel wird mit deren Erwerb garantiert. Aber um die versprochene Wirksamkeit zu testen, muss natürlich erst einmal geordert werden – und das möglichst schnell.

 

Denn die Moderatoren ( oder vielleicht besser Verkäuferinnen und Verkäufer) versäumen es nicht, die Zuschauer immer wieder zu belehren, dass der Vorrat mit jeder Sekunde dahin schmilzt. Und als ob das noch nicht ausreichte, erscheint auf dem Bildschirm pausenlos die Anzahl der bereits verkauften Produkte. Nun wird manch einer meinen, dass diese Verkaufsmethoden doch nur allzu leicht zu durchschauen sind und ein jeder doch schließlich wisse, dass mit dem Verkauf der Artikel alle Beteiligten gewinnen abgesehen vom gutmütigen Käufer. Dabei wird jedoch vergessen, dass das Bestellen und Kaufen auch ganz andere Bedürfnisse befriedigen kann. Gefühls-Defizite werden ausgeglichen, Frust wird verschoben und die Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit gestillt. Die Zufriedenheit vermag sich aber nur für kurze Zeit einzustellen. Wenn das Produkt nicht genutzt wird oder der versprochene Erfolg sich nicht einstellen will, dann entstehen Schuldgefühle und neuer Frust macht sich breit. Um diesem Gefühl zu entkommen, wird erneut bestellt und gekauft. Es entsteht ein Teufelskreis, der nur schwer zu durchbrechen ist. Die Folge sind in vielen Fällen Schulden, die aus Schamgefühlen verheimlicht werden, so dass Hilfestellung, die es durchaus gibt, die Betroffenen kaum erreicht.

Aber genau dies ist der Ansatzpunkt, um aus der Kaufsucht herauszufinden. Schamgefühle sind normal, aber nicht nötig. Die Schuldnerberatungsstellen wissen um das Phänomen der Kaufsucht und helfen dabei, sich von dem Schuldenberg wieder zu befreien. Wer ein krankhaftes Kaufverhalten feststellt, sollte sich auch nicht scheuen, einen Verhaltenstherapeuten aufzusuchen und sich diesem anzuvertrauen.

 

Wie bei jedem Suchtproblem ist die Einsicht, dass man ein Problem hat, und der Wille, dem Dilemma zu entkommen, der erste Schritt aus dem Teufelskreis. In einem vertrauensvollen Gespräch mit einem professionellen Psychotherapeuten werden Strategien entwickelt, um die Sucht zu überwinden. Letztendlich geht es darum, wieder Lebensfreude zurück zu gewinnen und die Einengung der Sucht zu bewältigen. Eine gute Unterstützung neben der Therapie finden Betroffene auch in Selbsthilfegruppen.