Wir über uns

Jugend

Jugendgewalt ist das Thema, das die öffentliche Diskussion heute zunehmend bestimmt. Allzu oft wird sie aber gewissermaßen als Pauschalverurteilung jugendlichen Verhaltens gebraucht und bisweilen missbraucht. Und der Ruf nach immer härteren Strafen schon für die Jüngsten in unserer Gesellschaft wird immer lauter. Wir wollen sachlich nicht nur über Jugendgewalt berichten, sondern auch über allgemeine Probleme der Jugendlichen während ihres Reifungsprozesses und in ihrem gesellschaftlichen und familiären Lebensumfeld, um die Entwicklung von Kindern zu möglicherweise gewaltbereiten Jugendlichen zu verstehen und zu vermitteln.

 

Kinder und Jugendliche sollen unsere Zukunft gestalten. Sie sollen immer mehr Leistung zeigen. Sie stehen im Fokus von Werbung und Konsum, denn Kinder sollen auch die ausgabewilligen Kunden von morgen sein. Gleichzeitig stehen sie aber im Fokus der Medien, wenn es darum geht, sie als kriminelle Täter zu etikettieren. Die Einseitigkeit in der Darstellung einer Generation auszugleichen sehen wir als Teil unserer Aufgabe. Deshalb 'wagen' wir es, uns auch mit den positiven Eigenschaften der Jugendlichen auseinanderzusetzen, etwa ihrem ehrenamtlichen Engagement, das in der öffentlichen Wahrnehmung neben den drastischen Berichten jugendlicher Gewalttaten allzu rasch verblasst. Es drängt sich nämlich die Vermutung auf, dass in der Gesellschaft der Erwachsenen die Schwächsten, nämlich die Kinder, als Entlastung und Rechtfertigung dienen müssen, um eigene Unzulänglichkeiten zu verschleiern, die erst eine gewaltbelastete Lebenswelt schaffen, in der Kinder leben und an der sie sich orientieren müssen.

 

Wir wollen einerseits klarstellen, dass Regelverstöße zu einer normalen Entwicklung von Jugendlichen gehören und jugendliches delinquentes Verhalten sich meist nur episodenhaft darstellt. In Grenzüberschreitungen werden extreme Situationen erlebt, in denen die jungen Menschen versuchen, sich selbst kennenzulernen, sich einerseits einer Gruppe zugehörig zu fühlen und sich gleichzeitig von der Elterngeneration abzugrenzen. Diese Phase geht meist völlig ohne Folgen und ohne das Abrutschen etwa in eine kriminelle Karriere zurück. Andererseits scheuen wir uns nicht, uns auch mit den Kindern und Jugendlichen zu befassen, die durch besonders gravierende Taten auffallen, wie etwa schwere Gewalttaten oder auffällig viele delinquente Handlungen. Diese Kinder wachsen nicht selten in einem besonders schwierigen Umfeld auf. Die Familie als Hort der Geborgenheit ist diesen Kindern meist völlig fremd. Sie leiden unter Lieblosigkeit, Gewalt, Vernachlässigung, der Zerrissenheit zwischen getrennt lebenden Eltern und Alleingelassensein. Sie müssen sich an Werten und Normen orientieren, die außerhalb des familiären Umfeldes existieren. Die Einflussmöglichkeiten von Peergroups oder auch von Vorbildern aus dem Fernsehen oder aus Computerspielen nehmen dann zu. Auch über diese Zusammenhänge wollen wir unsere Leser informieren, ohne wiederum allein die Gesellschaft oder ausschließlich die Eltern in den Fokus der Verantwortung zu rücken.

 

Wir wollen differenziert und vorurteilsfrei berichten und aufklären. Wir wollen uns mit den Themen beschäftigen, die Jugendliche heute bewegen, mit ihren Lebenswelten und Möglichkeiten, denn nur wer informiert ist, kann auch präventiv auf Kinder und Jugendliche einwirken. Und Prävention ist der beste Weg, um Jugendgewalt einzudämmen.

 

Sucht

In den letzten Jahren hat das Thema Sucht leider an Bedeutung in der öffentlichen Diskussion verloren. Das hält uns nicht davon ab, es dennoch zum Thema zu machen und die Öffentlichkeit über aktuelle Probleme im Zusammenhang mit Abhängigkeit und Drogen aufzuklären. Statt zu resignieren, haben wir uns vorgenommen, mit einem „Jetzt-erst-recht“ zu reagieren.

 

Wir erinnern uns kaum noch an die Bilder aus den 1970er und 1980er Jahren. „Christiane F. und die Kinder vom Bahnhof Zoo“ prägten das Bild und die Vorstellung von der Drogensucht. Es wurde über die Drogensucht und ihre Folgen öffentlich diskutiert. Heute sind diese Bilder verschwunden und der Eindruck macht sich breit, dass Themen rund um Drogen und Sucht zunehmend zur Randerscheinung werden. Woran liegt das? Zunächst einmal ist festzustellen, dass auch Drogen und Sucht mit der Zeit gehen. Substanzen haben sich in den letzten Jahren verändert, Konsumentinnen und Konsumenten sind heute in ganz anderen Gesellschaftsgruppen als noch vor Jahrzehnten zu finden. Und es liegt in Zeiten, die vom schönen Schein, einer leistungsstarken Generation und vom sauberen Image von Wellness und Schönheitswahn geprägt sind, offenbar nicht im Trend, über mögliche Drogenproblematiken zu diskutieren. Wir beugen uns diesem Trend nicht und versuchen, die Menschen aufmerksam zu machen auf ein Problem, das jeden von uns jederzeit einholen kann.

 

Heute ist es nämlich nicht mehr der Heroin-Junkie, der den typischen Süchtigen darstellt. Konnten Bilder von fixenden Drogensüchtigen, die sich auf schmutzigen Toiletten ihren Schuss setzten, noch in früheren Jahren die Menschen aufrütteln und schockieren, so ist es heute doch zunehmend schwierig, die Auflage von Zeitungen mit Medikamentenabhängigen, Managern, die heimlich Leistungsdrogen konsumieren, oder Spielsüchtigen zu erhöhen. Die heute eher verdeckt stattfindenden Suchtformen (und hier vor allem die Verhaltenssüchte) in durchaus gehobenen Gesellschaftsschichten geben eben nicht so viel her, sind nicht so schockierend und deshalb für die meisten Medien uninteressant. Für uns sind alle Betroffenen von Interesse: die (glücklicherweise) immer weniger werdenden Heroinjunkies wie auch der kaufsüchtige Manager, das magersüchtige Mädchen von nebenan ebenso wie die Frau eines Alkoholikers.

 

Von der Randgruppe der Drogensüchtigen in der Schmuddelecke der Bahnhofsklos konnte man sich abgrenzen, gehörte nicht dazu. Deshalb konnte auch beruhigt darüber geredet und diskutiert werden. Schließlich war man selbst ja nicht betroffen. Es erscheint paradox: Ehemals war es die Randgruppe der Schwerstabhängigen, die aufgrund ihrer auch nach außen sichtbaren Suchtproblematik zum Thema wurde. Und obwohl heute eine viel breitere Öffentlichkeit von Sucht betroffen ist, fristet sie ein Leben im Schattendasein. Sind Menschen aber erst einmal selbst betroffen, wird aus dem vermeintlich irrelevanten Thema Sucht allzu schnell eine persönliche Tragik und Dramatik, die sich nicht mehr wesentlich unterscheidet von der Verzweiflung der Heroin-Junkies. Medikamentenabhängigkeit, Spielsucht, Magersucht oder Alkoholsucht können heute ganze Familien zerstören. Und dann kann die Auseinandersetzung mit dem Thema manchmal zu spät sein.

 

Deshalb dürfen wir nicht müde werden, über Sucht aufzuklären, Jugendliche zu animieren, sich über Sucht zu informieren, und Schulen dabei zu unterstützen, trotz immer enger werdender Lehrpläne ihre Schülerinnen und Schüler mit dem Thema Sucht nicht allein zu lassen. Es ist schon viel erreicht, wenn wir etwas zum „Anklingen“ bringen können, wenn wir Impulse wecken können, wenn der Wunsch nach weiteren Informationen entsteht und wir den einen oder anderen dadurch möglicherweise sogar motivieren können, sich seiner Suchtproblematik zu stellen und sich Hilfe und Unterstützung zu holen. Und wenn auch nur einer sich auf den schweren Weg macht, der Sucht den Rücken zu kehren, haben wir etwas erreicht.

 

Wir fühlen uns aufgerufen, das Phänomen Sucht wieder aus dem Schatten zu befreien, auch unpopuläre Suchtthemen aufzugreifen, öffentlich stärker darüber zu diskutieren und Drogen und Sucht insgesamt wieder zum Thema zu machen. Offenheit und Ehrlichkeit werden schließlich von Suchtkranken immer wieder gefordert. Stets halten wir sie (zu Recht) dazu an, sich ihrem Problem zu stellen, um erste Schritte in eine Behandlung wagen zu können. Eine solche Forderung widerspricht jedoch einer Öffentlichkeit, die sich offenbar zunehmend weigert, selbst offen und ehrlich mit der Drogen- und Suchtproblematik umzugehen. Und sich auf einer gesunkenen Zahl Drogentoter auszuruhen und damit zu glauben, man habe die Suchtproblematik doch offenbar im Griff, ist ebenso gefährlich wie eine übertriebene Dramatisierung, die geeignet ist, Suchtkranke ins Abseits zu drängen. Eine angemessene Balance zu finden ist deshalb gerade im Suchtbereich gar nicht so leicht. Aber wir wollen es wenigstens versuchen. Und während Sie dies lesen, tragen Sie dazu bei, dass Suchtkranke nicht im Tabu verschwinden müssen. Sie zeigen Interesse und informieren sich. Wir brauchen Sie!